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Rare wer?

15. Mai 2012

Die englische Edelschmiede steht am Scheideweg: alter Glanz oder neuer Markt? Ein Kommentar.

Dass Nintendo seine einstigen Vorzeigeentwickler an Microsoft verkauft hat, ist wohl ein formidabler Treppenwitz der Spielegeschichte. Der alteingesessene Hase Nintendo sieht sich in der N64-Ära gegenüber seinem ärgsten Konkurrenten, Sony’s Playstation, schon im Hintertreffen und gibt zum Beginn der neuen Konsolengeneration ausgerechnet den unbestritten wohl talentiertesten N64-Entwickler (neben Nintendo selbst) an die aufstrebende XBox ab. Zwar sahen viele Nintendo-Fans schon den Untergang des Abendlandes drohen, die eigentliche Pointe kommt aber jetzt: Rare kann seitdem nie wieder an die Qualität seiner N64-Zeit anknüpfen.

Das zu Beginn der XBox-Ära veröffentlichte Grabbed by the Ghoulies sieht zwar hübsch aus, lässt aber die typische Rare-Spieltiefe vermissen. Das Remake von Conker’s Bad Fur Day mutet schon wie ein Kniefall vor der Last der eigenen Historie an. Auch in der 360-Generation sind Perfect Dark Zero, Kameo oder Banjo-Kazooie 3 höchstens Geheimtipps und außer Viva Pinata auch kommerziell nicht weiter Aufsehen erregend. Bessere Verkaufszahlen erreichen ausgerechnet die Remakes der beiden Banjo & Kazooie-Klassiker sowie von Perfect Dark.

Das ist angesichts der Tatsache, dass sich Rare mittlerweile auf Kinect eingeschossen hat und mit Kinect Sports das obligatorische Sport-Pflichtprogramm, das für jedwede Bewegungssteuerung erscheinen muss, gar nicht mal schlecht abliefert, natürlich umso ambivalenter. Rare macht also mittlerweile Xbox-Avatare und Kinect-Minispielsammlungen. Das ist an sich in Ordnung, die Ausrichtung auf diese eher Casual-affine Bewegungsschiene rettete Rare wohl letztlich das Überleben. Insofern ist die hier verfasste Kolumne nur ein wehmütiges Zurückblicken. Denn andererseits sind die Remakes ja Ausdruck dafür, dass die ollen Kamellen auch heute noch gut ankommen.

Nur: das Personal der brillanten N64-Zeit ist weitgehend abgewandert, die Spiele haben sich weiterentwickelt, was sich besonders im Shooterbereich am beinahe schon grotesk veralteten N64-Perfect Dark zeigt. Spieleentwicklung ist kein Ding mehr, bei dem man einfach mal 2 Jahre länger macht, wenn einem das eigene Produkt nicht gefällt. Das alles tat und tut dem ‚alten‘ Rare nicht gut.

Somit bleibt wohl nur der Rückgriff auf die hohle, hier aber treffende Phrase, dass Rare einmal eine richtige Firma zur richtigen Zeit war. Man hatte damals Ego-Shooter, Jump’n’Runs, Rennspiele, Adventures, Beat’em’Ups und Third-Person-Action im Angebot – heutzutage hat kein Entwickler mehr ein solches Portfolio in petto, schon allein deshalb, weil man für ordentliche Verkaufszahlen gute Produkte abliefern muss, was wiederum eine Menge Geld kostet, die kein Publisher in solch eine Vielfalt an Produkten bei einem Entwickler stecken kann.

Das alte Rare wäre heutzutage einfach krass anachronistisch. Für einen herausragenden Ego-Shooter sind mittlerweile Ressourcen, Kompetenzen und Marktmittel wie Marketing und Marktforschung nötig – früher bedurfte es vor allem Kreativität und Experimentierfreude. Letzteres hatte Rare zuhauf, ersteres verträgt sich nicht immer damit.

Um also letztlich noch einmal Sentimentalität zu bemühen: Rare wird durch die Ausrichtung auf Kinect und in seiner Rolle als Hofentwickler für Microsoft sicher weiterbestehen, womöglich sogar recht erfolgreich. Die einstige Ausnahmestellung ist aber wohl ein Relikt früherer Tage.

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From → GassenGeflüster

2 Kommentare
  1. da wundert es auch nicht, dass die damaligen Köpfe des Studios schon längst geflohen sind. Die neuen Titel sind aber im Grunde auch nicht wirklich schlecht.

  2. Danke für den Kommentar. Schlecht sind die Titel sicher nicht (besonders Kameo habe ich gerne gespielt, die Kinect-Sachen funktionieren gut), nur wird es wohl die Zeit nicht mehr geben, in der Rare als kreatives Ausnahmestudio galt.

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